Anhang IV Hinweise zur Nachhaltigkeit und Ökologie von Flachdächern und Abdichtungsbahnen
IV.2 Nachhaltigkeit (#ddbau10636)
IV.2.1 Allgemeines (#ddbau10637)
Die grundlegende Definition zur Nachhaltigen Entwicklung wurde 1987 von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (World Commission on Environment and Development (WCED)) der UN im Zukunftsbericht „Our Common Future“ („Unsere gemeinsame Zukunft“) etabliert.
IV.2.2 Drei-Säulen-Modell (#ddbau10638)
Die Definition zur Nachhaltigkeit, bei der soziale, ökologische und ökonomische Ziele gleichrangig angestrebt werden, gilt als Fundament für globale politische Strategien.
Mit dem Brundtlandt-Bericht und der 1992 folgenden UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro (auch als Erdgipfel oder Rio-Konferenz bekannt) verankerte sich diese Definition zur Nachhaltigkeit.
Wichtige Ergebnisse der Rio-Konferenz sind unter anderem die Agenda 21 als Leitpapier zur Nachhaltigen Entwicklung und die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC). Mit der im Jahr 2015 verabschiedeten Agenda 2030 hat sich die Weltgemeinschaft unter dem Dach der Vereinten Nationen zu 17 globalen Zielen für eine bessere Zukunft verpflichtet (siehe Abbildung #ddbau01889). Dies umfasst ökonomische, ökologische und soziale Aspekte.
Der Ansatz der Gleichwertigkeit und Gleichzeitigkeit von Ökologie, Ökonomie und Sozialem wurde als Drei-Säulen-Modell (siehe Abbildung #ddbau01891) u. a. auch von der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages 1998 weiter festgeschrieben.
Ein weiterer bedeutender Schritt in Richtung nachhaltiger Entwicklung erfolgte 2020 mit der Verabschiedung der europäischen Taxonomie, ein Klassifizierungssystem für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten, das von der Europäischen Union entwickelt wurde. Dieses System zielt darauf ab, Investitionen in nachhaltige Projekte zu fördern und „Greenwashing“ zu vermeiden. Dieses Instrument soll dazu beitragen, den europäischen Green Deal und die Klimaziele der EU zu erreichen, indem es Klarheit und Transparenz für Investoren schafft und den Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft unterstützt.
IV.2.3 Das nachhaltige Dach ist ein Flachdach (#ddbau10639)
IV.2.3.1 Allgemeines (#ddbau10640)
Trotz ihrer zahlreichen Vorteile werden Flachdächer noch immer zu wenig genutzt und ihr Potenzial oft unterschätzt. Dabei können sie einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung von Klimaerwärmung, CO2-Emissionen, Stromengpässen, Insektensterben, Wärmeverlusten, Feinstaubbelastungen und den Auswirkungen von Extremwettern leisten. Sowohl bestehende als auch neue Flachdächer bieten vielfältige Nutzungsmöglichkeiten wie beispielsweise als Grün- oder Retentionsdach, als Aufstellort für PV- und Solaranlagen oder zur Schaffung von zusätzlichem Wohnraum.
Dabei ist es immer erst die Dachabdichtung, z. B. auf Basis von Bitumen- und Polymerbitumenbahnen oder Kunststoff- und Elastomerbahnen, die durch ihr jeweiliges Funktions- und Leistungsprofil die technische Voraussetzung für die nachhaltige Nutzung des Bauteils Dach bietet. Bei der Auswahl der Baustoffe unter dem Nachhaltigkeitsaspekt sind vor allem die technische Leistungsfähigkeit und eine lange Nutzungszeit sehr maßgebliche Faktoren.
Jedes menschliche Handeln, sei es groß oder klein, hat Auswirkungen auf die natürliche Welt, in der wir leben. Alle Bauprojekte hinterlassen ihre Spuren und beeinflussen die ökologischen und sozialen Systeme. In unserer Zeit, in der diese Auswirkungen immer deutlicher werden, gewinnt das Konzept der Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung.
Die gesamtheitliche Bewertung der Nachhaltigkeit beruht auf dem Zusammenwirken von Planung, Konstruktion und Baustoffauswahl sowie der baupraktischen Ausführung. Ein isolierter Vergleich von Bauprodukten ist hinsichtlich der Nachhaltigkeit zumeist nicht zielführend.
IV.2.3.2 Vom Schutzdach zum Nutzdach (#ddbau10641)
In der Vergangenheit wurden Dächer hauptsächlich als Schutz vor Witterungseinflüssen konzipiert, ohne weitere Funktionen zu erfüllen - ihre Hauptaufgabe bestand darin, das Gebäude vor Regen, Schnee und Sonneneinstrahlung zu schützen. Daneben fand das Dach als fünfte Fassade oft nur aus gestalterischen Aspekten Beachtung.
Die Idee des genutzten Flachdaches gewinnt seit Jahren zunehmend an Bedeutung, da immer mehr Architekten, Stadtplaner und Bauherren erkennen, dass Dächer ein beträchtliches Potenzial bieten, um Nachhaltigkeitsziele zu fördern und die Lebensqualität in städtischen Umgebungen zu verbessern. Dächer werden zu Flächen, die nicht nur Schutz bieten, sondern auch zur Energieerzeugung, Retention, Biodiversitätsförderung und sozialen Interaktion genutzt werden können.
IV.2.3.3 Relevante Aspekte für die Nachhaltigkeitsziele (#ddbau10642)
Dächer können maßgeblich dazu beitragen, CO2-Emissionen zu reduzieren, die Biodiversität zu fördern, den Energieverbrauch zu senken und das städtische Lebensumfeld zu verbessern.
Durch die Integration von Nutzdächern in Gebäudeprojekte kann der Flächenverbrauch reduziert werden. Flachdächer bieten zusätzliche nutzbare Flächen für verschiedene Zwecke wie Dachterrassen, Sportflächen oder Gemeinschaftsgärten, was zu einer Verbesserung der Lebensqualität und der sozialen Interaktion in städtischen Umgebungen beiträgt.
Dachbegrünungen schützen die Dachabdichtung vor witterungsbedingten Einwirkungen und sorgen somit für eine längere Nutzungsdauer. Durch eine längere Nutzungsdauer werden Rohstoffe gespart, was dazu beiträgt, den CO2-Ausstoß zu verringern. Dachbegrünungen sind eine zusätzliche Schicht, die zur Wärmedämmung von Gebäuden beitragen kann, wodurch der Energieverbrauch für Heizung und Kühlung reduziert wird.
Grün- und Retentionsdächer fungieren als Regenwasserrückhaltesysteme, indem sie Regenwasser zurückhalten und/oder den Wasserabfluss verzögern, was einerseits zur Reduzierung von Überflutungen und andererseits zur Unterstützung der Wasserversorgung beiträgt. Sie sind Bestandteil des Konzepts der "Schwammstadt", die Integration von grüner Infrastruktur in die urbane Umgebung, um die natürliche Wasseraufnahme und -speicherung zu fördern. In einer Schwammstadt wird Regenwasser durch verschiedene Maßnahmen wie durchlässige Oberflächen, Versickerungsmulden, Biotope und künstliche Feuchtgebiete effektiv aufgenommen und gespeichert.
Dachbegrünungen mit einer Vielzahl von Pflanzenarten können Lebensräume für verschiedene Arten schaffen und zur Erhaltung der Biodiversität in städtischen Gebieten beitragen. Gründächer tragen zur Verbesserung der Luftqualität bei, indem sie Feinstaub binden und CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen. Sie bieten auch Verdunstungskühlungseffekte, regulieren das Mikroklima und reduzieren Lärm, was wiederum das Wohlbefinden der Menschen verbessert.
Die Installation von Photovoltaik(PV)-Anlagen auf Dächern ermöglicht die Erzeugung von sauberer, erneuerbarer Energie und trägt somit zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes und zur Förderung nachhaltiger Energiequellen bei.
Diese Beispiele verdeutlichen die vielfältigen Möglichkeiten, wie Nutzdächer zur Erreichung verschiedener Nachhaltigkeitsziele beitragen können, von der Förderung erneuerbarer Energien bis zur Schaffung lebenswerter städtischer Umgebungen.
IV.2.3.4 Maßnahmen während der Nutzungsdauer (#ddbau10643)
Die möglichst lange Nutzungsdauer ist ein wesentlicher Faktor für die Bewertung der Nachhaltigkeit eines Gebäudes bzw. Daches. Daher sind Wartung und ggf. Instandhaltung des Daches während der Nutzungsdauer unabdingbar zur Erzielung der maximalen Nachhaltigkeitsperformance.
Dächer müssen regelmäßig gewartet werden, siehe Kapitel 3.9.