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Geschichte des Flachdachs

Von Babylon bis zum Bauhaus: Die Geschichte des Flachdachs.

09.04.2024

Eines der sieben Weltwunder der Antike: 
Die hängenden Gärten der Semiramis, 6. Jh. v. Chr.
© Eines der sieben Weltwunder der Antike: Die hängenden Gärten der Semiramis, 6. Jh. v. Chr.

Kompakt

Das Flachdach bietet viele Vorzüge und besitzt gleichzeitig ein riesiges Potenzial zur Erreichung unserer Klimaziele. Aufgrund von bautechnischen Aspekten stand es lange Zeit im Schatten des Steildaches. Dennoch sind auch aus früherer Zeit verschiedene Beispiele von Flachdachausführungen bekannt, darunter die „Hängenden Gärten“ von Babylon aus dem 6. Jh. v. Chr. oder das Steindach am Freiburger Münster. Der wirkliche Durchbruch gelang dem Flachdach dann mit der Klassischen Moderne und dank der Entwicklung moderner Abdichtungssysteme.

Von Babylon bis zum Bauhaus: Die Geschichte des Flachdachs.

Das Flachdach ist ein wahrer Alleskönner. Es überzeugt architektonisch und ermöglicht im Vergleich zum Steildach auch deutlich mehr Freiheiten bei der Grundrissgestaltung. Zudem bietet es riesige Potenziale im Hinblick auf das immer wichtigere Zukunftsthema Nachhaltigkeit. Ein zentraler Aspekt ist dabei die Nutzung der Dachfläche als Aufstellort für Solarmodule. Noch dazu lassen sich flache Dächer als zusätzliche Lebensräume gestalten. Hinzu kommt: Begrünte Flachdächer sorgen für eine optimierte sommerliche und winterliche Wärmedämmung, sie verbessern das Mikroklima in unseren Städten und sie tragen außerdem zur Entlastung der Kanalisation bei, indem sie Niederschlagswasser verzögert abgeben.

Trotz dieser vielfältigen Vorteile stand das Flachdach lange Zeit im Schatten des Steildaches – weniger aus ästhetischen Gründen, sondern vor allem aufgrund bautechnischer Aspekte. Denn während Steildächer den Vorteil bieten, dass Niederschlagswasser einfach direkt ablaufen kann, müssen beim Flachdach einige zusätzliche Voraussetzungen erfüllt sein, damit keine Feuchtigkeitsschäden im Dach entstehen können. Das betrifft die ausreichende Abdichtung der Dachfläche ebenso wie Möglichkeiten, die Oberflächenfeuchte so rasch wie möglich abzuführen. Mit entsprechenden Dachaufbauten und mit modernen Kunststoff- oder Bitumenbahnen ist diese Sicherheit heute problemlos umzusetzen. In früheren Jahrhunderten stellte die Abdichtung von Flachdächern noch lange Zeit eine große Herausforderung dar. Das Flachdach ist deshalb das Ergebnis einer langen Entwicklungsgeschichte, die von der Antike über das Bauhaus bis in die heutige Zeit reicht.

Begrünte Flachdächer in der Antike

Flachdächer waren schon in der Antike bekannt. Bereits um 3000 v. Chr. benutzte man dabei nach dem Zeugnis des griechischen Historikers Herodot als Baustoff Bitumen zur Abdichtung. Noch bekannter ist die Flachdachkonstruktion der Hängenden Gärten von Babylon (600 v. Chr.)1, die als eines der sieben Weltwunder der Antike gelten. Die 120 x 120 m große Gartenanlage mit treppenförmigem Anstieg ruhte auf einer Säulenkonstruktion über Teilen des Palastes von Babylon. Die Abdichtung der einzelnen Etagenböden bestand aus einer Lage Rohr mit viel Asphalt, darüber platziert eine doppelte Lage aus gebrannten Ziegeln, die in Gipsmörtel eingebettet waren. Ganz oben waren dicke Platten aus Blei verlegt. Im Zusammenspiel der verschiedenen Schichten war es möglich zu verhindern, dass Feuchtigkeit durchdrang. Hinzu kam, dass man auf diese Konstruktion Humus aufbringen und verschiedene Baumsorten einpflanzen konnte. Die erforderliche Bewässerung dieser Dachbegrünung war aus dem nahegelegenen Fluss Euphrat möglich.

Flachdächer im Mittelalter

Aus dem Mittelalter sind nur vereinzelt Flachdachkonstruktionen überliefert. Zu den wenigen Beispielen zählt das bis heute erhaltene Steindach am Freiburger Münster. Die begehbare Konstruktion erlaubt im Vergleich zu steil ausgeführten Seitenschiffdächern die Integration größerer Fensterflächen und ermöglicht damit eine optimierte Belichtung des Innenraumes. Die Flachdachkonstruktion selbst besteht aus großen Sandsteinplatten mit schwacher Neigung, deren Fugen mit Blei verschlossen sind. Die Ableitung der Witterungsfeuchte erfolgt über skulptierte Wasserspeier.

Flachdächer der frühen Neuzeit

In Nachfolge der prachtvollen Anlage in Babylon hatten auch die Griechen und Römer üppige Dachgärten gestaltet. Über die nachfolgenden Jahrhunderte war diese Kultur jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten und wurde erst durch die Gartenkultur der Renaissance wiederentdeckt. Insbesondere Dachflächen auf Schlössern verwandelten sich dabei zu üppig begrünten Oasen. Etwa zur gleichen Zeit rückten auch an anderer Stelle die vielfältigen Vorteile von Flachdach-Konstruktionen immer mehr in den Blick. Bekanntestes Beispiel dafür ist ein 1518 von Albrecht Dürer verfasstes Gutachten, in dem er ein flaches Dach zur Eindeckung einer Klosterkirche forderte, weil diese Dachform im Vergleich zu einem Steildach deutlich leichter sei, es keinen Winddruck auszuhalten habe, dem Feuer weniger Nahrung gebe und weil es außerdem geringere Unterhaltungskosten erfordere als ein steil ausgebildetes Dach.

Ähnlich konsequent argumentierte zwei Jahrhunderte später der Ökonom Paul-Jacob Marperger in seiner 1722 verfassten Schrift „Altanen“. Darin plädiert auch er, ähnlich wie Dürer, für die Ausbildung von flachen Dächern. Denn diese seien deutlich günstiger als Steildächer und man könne auf ihnen einen kleinen Garten anlegen. Hinzu komme, dass sie Platz zum Wäschetrocknen böten, dass sie Raum für ein zusätzliches Stockwerk schaffen würden und dass man auf ihnen zudem „mancherlei Vergnügungen“ treiben könne.

Der Durchbruch erfolgt erst im 19. Jahrhundert

Die Vorteile von Flachdächern lagen also schon im 16. bis 18. Jahrhundert klar auf der Hand. Dennoch blieben flache Dächer insbesondere in unseren Breiten lange Zeit eher eine architektonische Vision. Zwar wurde immer wieder versucht, bei repräsentativen Bauten waagerechte Dachgesimse zu gestalten, dahinter verbargen sich aber zumeist flach geneigte Dächer, die lediglich mit Stirnmauern versehen wurden, um so die Illusion von Flachdächern hervorzurufen. Zu den prominentesten Beispielen für diese Ausbildung von „Flachdächern“ mit Stirnmauern zählen das Neue Palais in Potsdam (1763–1769) oder später verschiedene Bauten des Baumeisters Karl Friedrich Schinkel, wie etwa die Friedrichswerdersche Kirche (1824–1831) 2 oder die Bauakademie (1832–1836), beide in Berlin.

Trotz dieser vielfältigen Herausforderungen wurde das Flachdach weiter propagiert. Der Architekturtheoretiker Bernhard Christoph Faust nennt als Vorteile insbesondere die „Wohlgestalt der Häuser, Festigkeit, Dauer und Feuersicherheit sowie mehr Sicherheit vor Blitzschlag“. Der Gewinn eines weiteren Stockwerks ohne Veränderung der Bauhöhe bedeutete außerdem eine gute Verzinsung. Und nicht zuletzt könne beim Bau von Flachdächern „viel theures Bauholz eingespart werden“.

Eine überzeugende Möglichkeit zur Umsetzung von sicheren Flachdachkonstruktionen deutete sich jedoch erst an, nachdem der deutsche Chemiker Wilhelm August Lampadius die Vorteile von Teerpappe erkannt hatte. In der Folge entwickelte der Unternehmer Samuel Häusler 1839 das Prinzip des Holzzementdaches als massentaugliche Bauweise für flache Dächer. Die Konstruktion bestand aus Öl- und Packpapier, das mit Pech oder Teer mit einer Holzschalung verklebt und zum Schutz der Dachhaut sowie aus Brandschutzgründen schließlich mit Sand und Kies bedeckt wurde. Das aufgebrachte Substrat wurde teils gezielt mit Rasen begrünt oder zur spontanen Vegetationsentwicklung sich selbst überlassen.

Weiter ausgereizt wurde das Prinzip einige Jahrzehnte später durch den Berliner Maurermeister und Erfinder Carl Rabitz, der 1867 die Broschüre „Naturdächer von vulkanischem Cement“ veröffentlichte und darin die Idee des begrünten Flachdaches propagierte. Als Testfall diente ihm dabei das Holzzementdach seiner eigenen Villa, das er durch eine zusätzliche Lage aus vulkanischem Zement ergänzt hatte, um die wasserabweisende Qualität der Konstruktion noch zu verbessern.3

Das Flachdach in der Klassischen Moderne

Der endgültige Durchbruch für das Flachdach gelang dann im Zuge der weiteren Industrialisierung, als mit Einführung des Eisen- und später des Stahlbetons erstmals größere Flachdachflächen einfacher umgesetzt werden konnten. In der Folge entstanden immer größere Werkhallen, Lagerhallen, Kaufhäuser oder Eisenbahnbauten mit vielfach großen Flachdachflächen, die alle entsprechend abgedichtet werden mussten. Parallel dazu setzte sich eine neue Architektur durch, bei der Wert auf geometrische Schlichtheit gelegt wurde. Zu den Pionieren dieses neuen Stils zählten zu Beginn vor allem die beiden amerikanischen Architekten Louis Sullivan und Frank Lloyd Wright, die mit Entwürfen wie dem 41 m hohen Wainwright Building in St. Louis (Sullivan, 1891) oder dem Wohnhaus für Frederick C. Robie in Chicago (Lloyd Wright, 1908) eine völlig neue Architektur-Ästhetik einleiteten.

Von Amerika aus setzte sich der neue Stil nach dem Ersten Weltkrieg auch in Europa immer mehr durch. Bedeutende Bauten aus dieser Zeit sind unter anderem das Fagus-Werk in Alfeld, UNESCO-Weltkulturerbe und zugleich das Erstlingswerk des Architekten und Bauhaus-Gründers Walter Gropius (1911), sowie das Haus Schröder in Utrecht von Gerrit Thomas Rietveld (1924)4, die Häuser von Ludwig Mies van der Rohe und anderen in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung (1927)5 oder die Villa Müller in Prag von Adolf Loos (1928–1930). Eine besondere Bedeutung kommt dem Flachdach außerdem im Werk von Le Corbusier zu, der es 1923 in seinem Manifest „Fünf Punkte zu einer neuen Architektur“ als einen zentralen Bestandteil der neuen Architektur ausmachte. Der Dachgarten wird dabei zum bevorzugten Aufenthaltsort des Hauses.

Die Ausführung der unterschiedlichen Flachdächer erfolgte seinerzeit zumeist als Holzkonstruktion, als Massivdecke mit armierten Stahlbetonträgern oder als Steineisendecke mit Ziegelhohlsteinen. Zur Dämmung wurde regelmäßig Torfoleum-Dämmung verwendet, zur Abdichtung kamen neben Teerdachpappe auch schon Dachbahnen auf Bitumenbasis zum Einsatz.

Bedeutung des Flachdaches heute und morgen

In den 1950er Jahren setzte sich das flache Dach auch in der Breite endgültig durch. Prägend für die Zeit waren vor allem Flachdach-Bungalows, große Wohnblocks sowie Gewerbe- und Verwaltungsbauten im Stil des Nachkriegsfunktionalismus. Parallel zur weiteren Entwicklung von modernen Bitumenbahnen kamen dabei auch erste Dachbahnen aus Kunststoff zum Einsatz, zunächst als homogene Bahnen aus Ethylen-Vinylacetat-Copolymer (EVA), später zusätzlich mit Kunststoffvlies sowie mit einer Kaschierung aus Glasvlies oder Kunststoff zur direkten Verlegung auf Hartschaumdämmstoffen.

Bis heute sind die verschiedenen Abdichtungssysteme aus Bitumen oder Kunststoff immer weiter verbessert worden. Die Ausbildung von Flachdächern ist damit einfach, wirtschaftlich und bautechnisch sicher umsetzbar, der architektonischen Gestaltung sind dabei keine Grenzen gesetzt. Immer wichtiger wird aber der Aspekt der Nachhaltigkeit. Denn anders als Steildächer können Flachdächer je nach Anforderungen und Standort auch als Aufstellflächen für Solarmodule, als Gründächer oder als Flächen zum „Urban Gardening“ genutzt werden. Insbesondere in innerstädtischen Bereichen bieten sie somit ein riesiges Potenzial zur Umsetzung der Energiewende sowie zur Schaffung von urbanen Grünflächen. Die Zukunft des Flachdaches kann also beginnen!

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