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Dessau-Törten Bauhaussiedlung Dessau-Törten Modellsiedlung für das Neue Bauen

Objekt: Siedlung Dessau-Törten

Architekt 1926-1928: Walter Gropius

Sanierung Haus Anton, Doppelreihe 35, Dessau-Törten: bankertsommer Architekten, Dessau

Dachabdichtung: System Dachbau Service, Dessau-Roßlau



Bis 1925 war das Bauhaus im thüringischen Weimar ansässig. Danach zog es aufgrund geänderter politischer Verhältnisse und zunehmender Repressalien durch den dortigen Stadtrat nach Dessau in Sachsen-Anhalt um. Der wirtschaftliche Aufschwung seit der Jahrhundertwende, hervorgerufen insbesondere durch den Aufstieg der Junkers-Werke, hatte in der sozialdemokratisch regierten Industriestadt zu einem erheblichen Mangel an bezahlbarem Wohnraum geführt. Mit großem Wohlwollen hatte die Stadt dem Bauhaus-Architekten Walter Gropius deshalb die Möglichkeit gegeben, seine Konzepte für einen preisgünstigen Massenwohnungsbau erstmals in die Realität umzusetzen.

 

Im Stadtteil Dessau-Törten entstand daraufhin in drei Bauabschnitten zwischen 1926 und 1928 ein dicht bebauter Reihenhausteppich, der insgesamt 314 zweigeschossige Einheiten für Arbeiterfamilien mit niedrigerem Einkommen zur Verfügung stellt. Je nach Anforderung wurden dazu drei unterschiedliche Haustypen mit Wohnflächen zwischen 57 und 75 Quadratmetern angeboten. Charakteristisch für die Häuser ist eine einfache Architektur mit weiß verputzten Fassaden sowie horizontalen und vertikalen Fensterbändern. Jeweils zwei Kuben wurden dabei spiegelbildlich zusammengefasst und in Gruppen von vier bis zwölf Einheiten angeordnet. Sämtliche Häuser verfügten außerdem über einen kleinen Nutzgarten, der den Eigentümern eine Selbstversorgung durch Gemüseanbau und Kleintierhaltung ermöglichen sollte.

 

Neben der äußeren und inneren Gestaltung folgt auch die Konstruktion der Häuser der Notwendigkeit zum kostengünstigen Bauen. Erstmals hatte Walter Gropius dabei die Möglichkeit, das serielle Bauen sowie den Einsatz neuer Baustoffe und Konstruktionen in großem Maßstab zu erproben. Sämtliche tragenden Wände wurden entsprechend aus vorgefertigten Schlackenbetonhohlkörpern, die Decken aus armierten Stahlbetonträgern errichtet. Eine wichtige Rolle spielte außerdem der Bauablauf, der ähnlich wie im Automobilbau mit spezialisierten Arbeitsbrigaden organisiert war, um so mehrere Häuser gleichzeitig in einem Bauabschnitt umsetzen zu können. Der Rationalisierungseffekt war groß: 1928 konnten in 88 Arbeitstagen 130 Häuser fertiggestellt werden!

 

Leider zeigten sich noch vor Fertigstellung erste Bau- und Planungsmängel, die von Eigentümern und Bewohnern auf unterschiedliche Weise beseitigt wurden. In den folgenden Jahrzehnten folgten weitere Umbauten und Renovierungen, so dass sich die Siedlung heute nicht mehr im bauzeitlich einheitlichen Erscheinungsbild präsentiert. Immerhin konnte 1992 das Haus am Mittelring 92 als erstes Haus der Siedlung originalgetreu wiederhergestellt werden, um so einen Eindruck vom ehemaligen Ausstattung zu vermitteln. Parallel sorgt seit 1994 eine Erhaltungs- und Gestaltungssatzung dafür, dass sämtliche baulichen Maßnahmen mit der historischen Substanz in Einklang gebracht werden müssen.

 

Sanierung von Haus Anton

Zuletzt konnte außerdem das Haus Anton in der Doppelreihe 35 saniert werden. Das 1926 nach dem Typ „SieTö 1“ errichtete Haus war das einzige Gebäude in der Siedlung, das inklusive Stallungen und Wannenbad in der Küche bis zuletzt noch weitgehend im Originalzustand erhalten war. Um das Haus dauerhaft zu sichern, wurde es 2011 durch das Dessauer Büro Bankertsommer Architekten denkmalgerecht saniert, bevor es anschließend durch die Stiftung Bauhaus übernommen und als Musterhaus für die Öffentlichkeit geöffnet wurde.

 

Ein besonderes Highlight der Sanierung sind die nach bauzeitlichem Vorbild rekonstruierten Glasbausteine, die die der Straße zugewandte Fassade wieder in der ursprünglichen Transparenz erstrahlen lassen. Im Inneren des Hauses sorgen neue Kalkanstriche und nachgebaute Mustermöbel für ein authentisches Erscheinungsbild. Parallel dazu musste auch die Dachfläche des Hauses saniert werden. Die dazu vorab erfolgte Bestandsaufnahme hatte zunächst eine provisorische Abdichtung aus Bitumenbahnen in mehreren Lagen sowie ein darunterliegendes Paket aus mehreren Lagen Bitumenpappe ergeben: „Da diese Abdichtung aber keinen modernen Ansprüchen mehr genügte, haben wir entschieden, den kompletten Bestand abzutragen und durch einen neuen Warmdachaufbau zu ersetzen“, berichtet Architekt Dieter Bankert rückblickend.

 

 

Warmdachaufbau mit Bitumenabdichtung

Im Rahmen der Umsetzung wurde oberhalb eines neu aufgetragenen Verbundestrichs zunächst eine vier Millimeter dicke Bitumenschweißbahn als Dampfsperre aufgebracht. Direkt darüber konnten die Dachdecker des beauftragten Unternehmens System Dachbau Service aus Dessau anschließend eine im Mittel 62 Millimeter dicke Gefälledämmung aus EPS-Dämmplatten verlegen. Im nächsten Schritt erfolgte eine zweilagige Abdichtung mit Bitumenbahnen: Als untere Schicht kam eine kaltselbstklebende Elastomerbitumen-Unterlagsbahn zum Einsatz, oberseitig wurde eine Elastomerbitumenschweißbahn vollflächig aufgeschweißt.

               

Eine große Herausforderung bedeutete anschließend die Suche nach einer neuen Lösung für die bereits nach außen verlegte Dachentwässerung: „Die denkmalgerechte Rückverlegung der Entwässerung an die bauzeitliche Stelle innerhalb der gemeinsamen Nachbarwand hätte einen hohen Aufwand erfordert und wäre wie zuvor kaum zu kontrollieren gewesen“, erklärt Dieter Bankert. „Deshalb wird das Regenwasser jetzt vom Dacheinlauf durch die Attika und von dort über eine Kaskade entlang der Terrasse und dem Schuppenanbau in eine Versickerungsmulde im Garten geleitet.“