Flachdach-Spezial 100 Jahre Bauhaus

Aufbruch in die Moderne

Wer an das Bauhaus denkt, der hat sofort seine geometrisch-klare und offen-moderne Architektursprache mit ihren typischen Flachdachkonstruktionen, ihren puristischen Materialkontrasten und ihren schlanken horizontalen Fensterbändern vor Augen. In diesem Jahr feiert die Bewegung, die auf das 1919 durch den Architekten Walter Gropius in Weimar gegründete „Staatliche Bauhaus“ zurückgeht, ihr 100-jähriges Bestehen. Und dabei zeigt sich: In den knapp 14 Jahren ihres Bestehens hat die später in Dessau und Berlin ansässige und 1933 durch die Nazis geschlossene Kunstschule unsere Vorstellung von Architektur und Design so nachhaltig geprägt, dass ihre Ideen bis in die Gegenwart hinein weltweit fortwirken.

Bauhaus, Dessau
© fotolia

Ausgangspunkt für die Gründung des Bauhauses war seinerzeit die bereits durch den Deutschen Werkbund vertretene Idee einer interdisziplinären und bewusst international ausgerichteten Zusammenführung von Kunst, Industrie und Handwerk in einer funktional-minimalistischen und universal gültigen Formensprache. Im strengen Gegensatz zum vorherrschenden Historismus und den „Neo-Stilen“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit ihren zahlreichen Ornamenten und Verzierungen entwickelten und propagierten Architekten und Designer wie Walter Gropius, Mies van der Rohe oder Hannes Meyer eine grundlegend neue Ästhetik, die nicht nur unser Alltagsdesign, sondern auch Architektur und Städtebau revolutionieren sollte. Die Grenzen zu zeitgleich verlaufenden Strömungen der modernen Architektur wie dem Neuen Bauen, dem Expressionismus, dem Funktionalismus oder dem International Style sind dabei fließend.

 

Über gestalterische Fragestellungen hinaus stand für die Architekten des Bauhauses und des Neuen Bauens vor allem die Schaffung von dringend benötigtem kostengünstigen Wohnraum für die wachsende Stadtbevölkerung im Zentrum ihrer Überlegungen. Gute Beispiele für diesen sozialen Anspruch waren unter anderem die von Gropius geplante Wohnsiedlung Dessau-Törten (1926-1928), die von Bruno Taut entwickelte Hufeisensiedlung Britz in Berlin-Neukölln (1925-1933) oder das Siedlungsprogramm „Neues Frankfurt“ (1925-1930). Parallel dazu prägten Prestigeprojekte wie das Bauhausgebäude mit den angrenzenden Meisterhäusern in Dessau (Walter Gropius, 1925-1926) oder die 1927 vom Deutschen Werkbund als Modellprojekt vorgestellte Weißenhofsiedlung in Stuttgart das Bild des Neuen Bauens.

Das Bauhaus-Logo, 1922 entworfen von Oskar Schlemmer
Das Bauhaus-Logo, 1922 entworfen von Oskar Schlemmer

Sämtlichen Projekten gemein ist, dass sie im Kontrast zu den engen und dunklen Mietskasernen der Großstadt die Vision von „Licht, Luft und Raum“ verfolgten und sich dazu einer radikal-neuen Ästhetik bedienten, die sich ohne schmückendes Beiwerk in erster Linie aus der Funktion ergab. Die offen zur Schau gestellte Reduktion folgte dabei nicht nur ästhetischen Zielen, sondern sollte vor allem auch den Einsatz von industriell vorgefertigten und auf der Baustelle zusammengesetzten Bauteilen ermöglichen, um so einen schnellen und rationellen Baufortschritt sicherzustellen.

 

Eine einheitliche architektonische Stilistik war dabei zunächst gar nicht beabsichtigt, vorherrschend war dennoch die heute so bekannte Gestaltung mit ihren scharfen Geometrien, ihren strahlend weiß verputzten Fassaden sowie den klaren Materialkontrasten von Stahl, Glas und Beton. Ein charakteristisches Element moderner Architektur war außerdem das seinerzeit als gestalterische Revolution erlebte und oftmals als Dachgarten genutzte Flachdach, das nach den architektonischen Grundthesen von Le Corbusier zu einem bevorzugten Aufenthaltsort des Hauses werden und einen Wiedergewinn der bebauten Fläche ermöglichen sollte.

Hans G. Conrad (Foto): Walter Gropius auf der Terrasse der Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm am 1. Oktober 1955 während der Feier zur Einweihung der Gebäude.
© Foto: Hans G. Conrad (CC BY-SA 3.0 de: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en )

Ähnlich funktional wie die äußere Hülle präsentieren sich auch die Innenräume der Bauhaus-Bauten, die zumeist durch eine ökonomische Raumaufteilung und -erschließung sowie durch einen hohen Tageslichteinfall geprägt sind. Eine Besonderheit zeigen dabei die für die Bauhauslehrer Kandinsky, Klee, Muche, Schlemmer, Feininger und Gropius errichteten Meisterhäuser in Dessau. Denn statt der „bauhaustypischen“ Farbe Weiß konnten hier bei Sanierungsarbeiten rund 170 Farbtöne (!) in verschiedenen Schichten gefunden werden – von Rot, Gelb und Blau über Hellrosa, Hellgelb und Mandelgrün bis hin zu Gold.

 

Nach der erzwungenen Schließung des Bauhauses durch die Nazis und der anschließenden Emigration ihrer führenden Vertreter verbreitete sich die Ästhetik der Bewegung schnell auch in den USA und setzte sich von dort aus in weiten Teilen der Welt durch. Seit den 1960er-Jahren wurden die ursprünglichen Ziele dabei immer häufiger als Legitimation zur Schaffung von billigem Wohnraum in menschenfeindlichen Trabantenstädten missbraucht. Auf der anderen Seite diente und dient die Ästhetik des Bauhauses häufig als elitäres Mittel, um sich bewusst von der breiten Masse abzusetzen. Jenseits dieser Extreme hat sich die charakteristische Ästhetik des Bauhauses aber in weiten Teilen der Bevölkerung durchgesetzt, wie der Blick auf neu errichtete Wohnsiedlungen zeigt. Ebenso ist auch der Anspruch des Bauhauses zur Schaffung von kostengünstigem städtischem Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten heute wieder so aktuell wie vor 100 Jahren. Die Utopien der einstigen Avantgarde-Schule sind also nach wie vor nicht überholt.

Bauhaus – Objekte

Fagus-Werk in Alfeld – Pionier der modernen Industriearchitektur

© Fotoquelle: GreCon

Zu den ersten Beispielen der architektonischen Moderne und zu den Vorläufern der Bauhausarchitektur zählt das Fagus-Werk im niedersächsischen Alfeld. Die in drei Bauabschnitten seit 1911 errichtete und seit Juni 2011 in die Liste der UNESCO-Weltkulturerbestätten aufgenommene Schuhleistenfabrik war das erste größere Projekt des damals noch weitgehend unbekannten Walter Gropius, dem später erfolgreichen Architekten und Leiter des Bauhauses bis 1927. Trotz mangelnder Referenzen war es dem damals erst 28 Jahre alten Architekten seinerzeit gelungen, den Fabrikanten Carl Benscheidt von seinen radikal neuen Ideen zu überzeugen.

 

Im Zentrum des funktionalistischen Industriekomplexes steht das dreigeschossige Werkstattgebäude mit seiner klaren kubischen Form und seiner minimalistischen Materialsprache mit Stahl, Glas und dunkelgelben Klinkern. Der Einsatz der seinerzeit noch radikal modernen Skelettbauweise bot Gropius und seinem Mitarbeiter Adolf Meyer dabei die Möglichkeit, die Außenhülle des schmalen Baukörpers mit geschossübergreifend durchgehenden, auf Deckenhöhe lediglich durch Stahlverkleidungen unterbrochenen Glasflächen mit einer Größe von jeweils 10 x 4,3 Metern auszubilden. Mit diesen frei ohne tragende Funktion vor die Stahlkonstruktion gesetzten Vorhangfassaden war es den Planern möglich, in sämtlichen Bereichen eine helle und luftige Arbeitsatmosphäre für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Fabrik zu schaffen und damit eine der Hauptforderungen der modernen Architektur umzusetzen.

Zusätzlich betont wird der leichte, für damalige Verhältnisse fast schon schwerelose Charakter der Architektur durch die stützenfreien, ebenfalls mit Glas ausgebildeten Ecken des Gebäudes. Für den Sockel- und Firstbereich sowie für die schmalen Stützen zwischen den Glasflächen des Werkstattgebäudes wurden ergänzend dunkelgelbe Klinker eingesetzt.

 

Bis heute wird im Fagus-Werk seit über einhundert Jahren ununterbrochen produziert, zum Teil immer noch die traditionellen Fagus-Schuhleisten. Schon 1920 entstand ergänzend ein weiterer Unternehmensbereich, der heute unter dem Namen Fagus Grecon anspruchsvolle Messtechnik und maßgeschneiderte Systeme für den technischen Brandschutz entwickelt und fertigt. Aufgrund der Erweiterung der Produktionspalette ist der Maschinenpark des Unternehmens im Laufe der Zeit mehrfach nachgerüstet und ausgetauscht worden. Trotz Umnutzung und Funktionswandel hat der Komplex jedoch in sämtlichen Teilen sein ursprüngliches Aussehen bewahrt.

Von der Dachpappe zur Bitumenbahn – das Flachdach wird erneuert

Nach rund 70-jähriger Nutzung war 1984 eine umfangreiche Sanierung des seit 1946 als Baudenkmal eingestuften Gebäudes durchgeführt worden. Neben einer denkmalgerechten Sanierung des Glasvorhangs entsprechend der strengen Gestaltungs- und Materialvorgaben von Walter Gropius erfolgte dabei auch eine komplette Erneuerung der 3.000 Quadratmeter großen Dachfläche des Werkstattgebäudes. Zum Zeitpunkt der Errichtung war die gesamte Fläche wie seinerzeit üblich mit Teerpappe abgedichtet worden. Das leichte Gefälle ermöglicht dabei einen zuverlässigen und von außen unsichtbaren Ablauf des Regenwassers in die Stützenkonstruktion des Gebäudes. Bis in die 1960er-Jahre hinein wurde im Rahmen der regelmäßig anfallenden Dachreparaturen ebenfalls Teer verwendet. Erst danach kamen sukzessive Bitumenbahnen zum Einsatz, um so eine zuverlässige Abdichtung der Gebäude zu erreichen.

Eine grundlegende Renovierung des Daches erfolgte erst 1984 im Rahmen der Gesamtsanierung des Gebäudes. In Erwartung weiterer konstruktiver Besonderheiten hatte das ausführende Architekturbüro Köhnemann aus Hamburg seinerzeit in enger Absprache mit der Werksleitung und dem Denkmalschutz beschlossen, das Dach komplett zu öffnen: „Nachdem die Beteiligten dabei aber lediglich auf eine einfache Dachbalkenkonstruktion gestoßen waren, wurde das Dach anschließend komplett mit EPS-Hartschaum gedämmt und mit Bitumenbahnen abgedichtet“, berichtet Dachdeckermeister Roland Busch, der mit seinem vor Ort ansässigen Betrieb seit rund 25 Jahren mit den Inspektionen und Dacharbeiten an den verschiedenen Gebäuden des Komplexes betraut ist.

Nach der umfangreichen Erneuerung des Dachaufbaus von 1984 erfolgten bis heute ausschließlich kleinere Maßnahmen im Dachbereich. Abweichend vom Bestand kommen dabei durchgehend moderne Polymerbitumen-Schweißbahnen zum Einsatz, die in der Regel auf die vorhandenen Bahnen aufgeschweißt werden: „Eine zentrale Auflage des Denkmalschutzes ist dabei die Verwendung von dunklen, anthrazitfarbenen Dachbahnen“, berichtet Roland Busch. „Darüber hinaus müssen sämtlichen An- und Abschlüsse entsprechend der historischen Vorgaben umgesetzt werden. Das betrifft neben den schmalen, mit Zink verblendeten Ansichtskanten der Fenster und der Mauerwerksabdeckungen insbesondere auch die kastenförmigen Fallrohre, die so gar nicht mehr hergestellt werden und die wir daher komplett von Hand fertigen müssen.“ Um die denkmalgerechte Optik des Gebäudes zu erhalten, erfolgen viele der Eingriffe ganz bewusst gegen geltende Richtlinien – „da müssen wir häufig ziemlich improvisieren. Aber schließlich handelt es sich bei dem Fagus-Werk ja inzwischen auch um ein Weltkulturerbe“, erklärt Roland Busch respektvoll.

 

Objekt: Fagus-Werk

Standort: Alfeld


Architekt 1911: Walter Gropius

Sanierungsplanung: Architekturbüro Köhnemann, Hamburg

Dachabdichtung: Dachdeckermeister Roland Busch GmbH, Alfeld

© Fotoquelle: Carsten Janssen