Technische Regeln Dachbegrünung

Allgemeines
(1) Die Begrünung von Dächern mit Abdichtungen weist unter verschiedenen Gesichtspunkten eine Vielzahl von Vorteilen auf. Neben positiven ökologischen und städtebaulichen Aspekten sprechen auch bautechnische und ökonomische Argumente für die Begrünung von Flachdächern. Diese gelten beim Neubau und bei der Sanierung.

(2) Bautechnik

  • Sommerlicher und winterlicher Wärmeschutz
  • Schallschutz
  • Verminderung der Beanspruchung der Abdichtung durch UV-Strahlung, hohe Temperaturdifferenzen und mechanische Belastungen
  • Reduzierung abwassertechnischer Anlagen (z. B. Verminderung der Abflussquerschnitte von Fallleitungen)

(3) Ökonomie

  • Verlängerung der Nutzungsdauer des Gesamtaufbaus
  • Einsparung von Regenwassergebühren
  • finanzieller Ausgleich für versiegelte Flächen

(4) Ökologie

  • Regenwasserrückhaltung (Entlastung des Kanalisationsnetzes insbesondere bei Starkregen)
  • Verbesserung des Kleinklimas durch Staubbindung, Luftkühlung und Erhöhung der Luftfeuchtigkeit
  • Lebensraum für Flora und Fauna

(5) Gestaltung/Städtebau

  • Verbesserung des Stadt- und Landschaftsbildes
  • Erholungsraum für Menschen in Ballungsgebieten, dadurch Mehrfachnutzen teurer Grundstücke
  • Naturhaftes Erleben von Grünflächen in städtischen Wohnlagen

Hinweise zur Planung und Ausführung von Dachbegrünungen

(1) Dachbegrünungen erfordern eine rechtzeitige Abstimmung aller beteiligten Fachleute der Planungs- und Ausführungsseite, damit alle bauphysikalischen, konstruktiven und vegetationstechnischen Anforderungen in Einklang gebracht werden können.

(2) Die fachgerechte Ausführung eines kompletten Dach- und Begrünungsaufbaus erfordert die Zusammenarbeit von Planer, Dachdecker, Bauwerksabdichter und Landschaftsgärtner. Dies ist durch darauf abgestimmte Bauablaufplanung, Ausschreibung und Vergabe der Leistungen sicherzustellen. Eindeutig gärtnerische Leistungen sollten durch entsprechende Fachleute geplant und ausgeführt werden.

(3) Die Materialwahl der Schichten des Begrünungsaufbaues (Drän- bzw. Wasserspeicherschicht, Filterschicht, Vegetationstragschicht, Bepflanzung) ist vom individuellen Begrünungsziel abhängig. Die Eignung der Materialien muss den jeweiligen Anforderungen entsprechen und dauerhaft sein.

(4) Bestehende Dachaufbauten sind vor einer nachträglichen Begrünung auf ihre baukonstruktiven und bauphysikalischen Voraussetzungen bzw. ihre Funktionseigenschaften, wie z. B. Durchwurzelungsschutz, zu überprüfen. Im Zweifelsfall ist immer eine durchwurzelungsfeste Abdichtungsschicht zu empfehlen.

(5) Das geplante Erscheinungsbild der Vegetation kann sich durch nicht beeinflussbare objektspezifische Gegebenheiten während der Nutzung verändern.

Arten der Dachbegrünung

Bei Dachbegrünungen sind in Abhängigkeit von der Nutzung sowie der bautechnischen Gegebenheiten drei Begrünungsarten zu unterscheiden.

Extensivbegrünungen

Extensivbegrünungen sind Vegetationsformen, die sich weitgehend selbst erhalten und weiterentwickeln. Sie erfordern daher meist nur einen geringen Pflegeaufwand. Es werden Pflanzen mit besonderer Anpassung an extreme Standortbedingungen wie Moose, Sedum, Kräuter und Gräser verwendet.

Charakteristisch für Extensivbegrünungen sind eine verhältnismäßig einfache Herstellung, geringe Aufbauhöhe und geringes Gewicht. Daher ist diese Begrünungsart insbesondere auch für den Sanierungsbereich geeignet. Extensivbegrünungen sind in der Regel am kostengünstigsten herstellbar.

Einfache Intensivbegrünungen

Einfache Intensivbegrünungen sind als Begrünungen mit Gräsern, Stauden und kleinen Gehölzen ausgebildet. Die Pflanzen stellen höhere Anforderungen an die Vegetationstragschicht sowie an Wasser- und Nährstoffversorgung. Herstellungsaufwand und -kosten, Schichtdicke, Gewicht sowie Pflegemaßnahmen sind höher als bei Extensivbegrünungen.

Intensivbegrünungen

Intensivbegrünungen umfassen aufwändigere Pflanzungen von Stauden und Gehölzen sowie Rasenflächen, im Einzelfall auch Bäume. Diese Begrünungsart ist in den Möglichkeiten der Nutzung und Gestaltung am vielfältigsten. Sie ist jedoch auch hinsichtlich der Anforderung an Vegetationstragschicht, Wasser- und Nährstoffversorgung, Herstellungsaufwand und -kosten, Schichtdicke, Gewicht sowie Pflegemaßnahmen am aufwändigsten.

Funktionsschichten

Die Funktionsschichten einer Dachbegrünung zeigt Abbildung 19. Bei entsprechender Materialauswahl können auch mehrere Funktionen in einer Schicht erfüllt werden.

Nachfolgend sind spezifische, auf die Dachbegrünung bezogene Hinweise zum Schichtaufbau aufgeführt.

Dachaufbau

Dachbegrünungsaufbau
Abbildung 19: Dachbegrünungsaufbau

(1) Tragkonstruktion
Alle Konstruktionsarten sind möglich, wenn die Lasten statisch abgetragen werden können. Die Lasten der Dachbegrünung sind im wassergesättigten Zustand anzusetzen.

(2) Dampfsperre
Um sicherzustellen, dass sich auch bei ggf. auf der Abdichtungsschicht stehendem Wasser (z. B. Anstaubewässerung) kein schädliches Tauwasser im Dachaufbau bildet, sind Dampfsperren mit ausreichend hohem Diffusionswiderstand zu verwenden. Hierfür eignen sich besonders Polymerbitumen mit Trägereinlagen aus Metallband- oder Metall-Kunststoff-Verbund.

(3) Wärmedämmung
Bei intensiv begrünten Dachflächen sind Dämmstoffe mit erhöhter Druckbelastbarkeit, Typkurzzeichen: dh oder ds nach DIN 4108-10, zu verwenden. Bei extensiv begrünten Dachflächen dürfen auch Dämmstoffe mit dem Typkurzzeichen dm verwendet werden.

(4) Abdichtung und Durchwurzelungsschutz
Die Funktion des Durchwurzelungsschutzes kann von der Abdichtungsschicht übernommen werden, wenn sie wurzelfest ist.

Trenn- und Gleitschicht

Zwischen der Abdichtungsschicht und dem Begrünungsaufbau sind bei Bedarf Trenn- und Gleitlagen anzuordnen.

Schutzschicht/Schutzlage

Zwischen der Abdichtungsschicht und dem Begrünungsaufbau ist eine Schutzschicht oder Schutzlage anzuordnen. Sie hat die Funktion, die Abdichtung einschließlich des Durchwurzelungsschutzes während der Bauphase und der späteren Nutzung dauerhaft gegen Beschädigungen zu schützen.
Je nach Belastungsfall dürfen z. B. verwendet werden:

  • Schutzvliese (mind. 300 g/m²) oder Schutzmatten
  • geeignete Stoffe, die gleichzeitig auch Drän- und Wasserspeicherfunktionen erfüllen
  • Schutzestrich
  • Schutzbeton
  • Gussasphalt

In allen An- und Abschlussbereichen muss die Abdichtungsschicht in geeigneter Weise geschützt werden.

Dränschicht bzw. Dränschicht mit Wasserspeicherung

Diese Schicht führt Überschusswasser ab bzw. speichert gezielt Niederschlagswasser zur Pflanzenversorgung. Die Dicke der Schicht und die Wahl der Materialien sind von der Bepflanzung und der Ausführung der Vegetationsschicht abhängig. Bei Einschichtbauweise wird die Funktion der Dränung und Wasserspeicherung von der Vegetationstragschicht übernommen.

Filterschicht

Durch diese Schicht wird das Eindringen von Feinteilen und damit eine Verschlämmung der Dränschicht verhindert. Als Filterschicht werden in der Regel geeignete Kunststoffvliese verwendet.

Vegetationstragschicht

Tabelle 8: Aufbauhöhen und Flächenlasten
© vdd Technische Regeln

Sie bietet der Pflanze die Wachstumsbasis, d. h. Nährstoffe, Wasser, Luft und mechanischen Halt. Die Zusammensetzung der hierfür geeigneten Pflanzerde bzw. Substratmischungen ist von der individuellen Begrünungsaufgabe abhängig. Je nach Begrünungsart können folgende Aufbauhöhen und Flächenlasten auftreten.

Bepflanzung

Beispiel einer intensiven Dachbegrünung
Bild 12: Beispiel einer intensiven Dachbegrünung

Zur Bepflanzung siehe Kapitel "Arten der Dachbegrünung".

Bauliche Voraussetzungen

Gefälle

(1) Für Extensivbegrünungen und einfache Intensivbegrünungen sollten Dächer mit einem Gefälle von mind. 2 % (1,2°) geplant werden. Werden ein- oder mehrschichtige Extensivbegrünungen auf Dächern mit weniger als 2 % (1,2°) Gefälle geplant, sollte aus entwässerungstechnischen Gründen eine zusätzliche Dränschicht angeordnet werden. Wegen des in diesem Falle zu erwartenden Wasseranstaus kann es zu Pflanzenausfällen, Vegetationsumbildungen und/oder verstärkter Ansiedlung von Fremdvegetation kommen.

(2) Für Intensivbegrünungen mit Anstaubewässerung bis 100 mm ist ein geringeres Gefälle zulässig, wenn der Dachaufbau mit Maßnahmen zur Begrenzung der Wasserunterläufigkeit ausgeführt wird.

(3) Bei einer planmäßigen, nicht nur kurzzeitigen Anstaubewässerung über 100 mm ist bei der Planung und Ausführung der Abdichtung der hydrostatische Druck zu berücksichtigen. Die Abdichtung ist nach DIN 18533 zu planen und auszuführen.

Wasserrückhaltung

Zur Wasserrückhaltung, siehe Richtlinie für die Planung, Ausführung und Pflege von Dachbegrünungen, Ausgabe 2017. Herausgeber: FLL, Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung und Landschaftsbau e.V., Bonn

Abflussbeiwert

Orientierungswerte für Abflussbeiwerte
Tabelle 9: Orientierungswerte für Abflussbeiwerte

Für Dachbegrünungen können die Orientierungswerte aus Tabelle 9 als Abflussbeiwerte CS je nach Dicke des Schichtaufbaus aus Schüttstoffen und abhängig von der Dachneigung angesetzt werden.

Tabelle 10 enthält Anhaltswerte für die prozentuale Wasserrückhaltung. Im Hinblick auf die Berücksichtigung in Abwassersatzungen mit gesplitteten Gebühren wird gleichzeitig der Jahresabflussbeiwert/Versiegelungsfaktor ausgewiesen.

Wasserrückhaltung, Jahresabflussbeiwert/Versiegelungsfaktor bei Dachbegrünungen in Abhängigkeit von der Aufbaudicke
Tabelle 10: Wasserrückhaltung, Jahresabflussbeiwert/Versiegelungsfaktor bei Dachbegrünungen in Abhängigkeit von der Aufbaudicke

Brandschutz

Sofern entsprechend den Vorgaben der Bauordnung der Länder die Dachfläche widerstandsfähig gegen Flugfeuer und strahlende Wärme („Harte Bedachung“) ausgebildet werden muss, gilt nach DIN 4102-4:2016-05, Abschnitt 11.4.7 folgendes:

  • Intensivbegrünungen gelten als Bedachungen, die gegen Flugfeuer und strahlende Wärme widerstandsfähig sind.
  • Extensivbegrünungen sind widerstandsfähig gegen Flugfeuer und strahlende Wärme, wenn
    • die Vegetationstragschicht mineralisch bestimmt ist (höchstens 20 % Masseanteil organischer Bestandteile)
    • die Schichtdicke der Vegetationstragschicht mind. 30 mm beträgt
    • ein Abstandsstreifen aus massiven Platten oder Grobkies ≥ 0,5 m Breite gegenüber Öffnungen in der Dachfläche (Lichtkuppeln, Dachfenster) oder aufgehenden Wänden mit Fenstern, deren Brüstung sich ≤ 0,8 m oberhalb der Vegetationstragschicht befindet, vorhanden ist.
    • alle 40 m eine 30 cm hohe Aufkantung aus nicht brennbaren Baustoffen oder ein 1 m breiter Streifen aus massiven Platten oder Grobkies vorhanden ist, sofern Gebäudeabschlusswände oder Brandwände nicht mind. 30 cm über das Dach, bezogen auf die Vegetationstragschicht, hinaus geführt wurden.
    • bei aneinandergereihten, giebelständigen Gebäuden im Bereich der Traufe ein in der Horizontalen gemessener, mind. 1 m breiter Streifen unbegrünt bleibt und mit einem Oberflächenschutz aus nicht brennbaren Baustoffen versehen ist.

Windsogsicherung

(1) Sofern der Aufbau der Dachbegrünung die zur Windsogsicherung des Dachaufbaus notwendige Auflast darstellt, sind die Gewichte und Schichtdicken entsprechend der DIN EN 1991-1-4 zu dimensionieren. Dabei ist der trockene Zustand zugrunde zu legen. Gegebenenfalls muss die Sicherung der Rand- und Eckbereiche durch Erhöhung der Schichtdicke in diesen Bereichen und/oder durch zusätzliche Gesteinsschüttungen aus Kies und/oder Plattenbelägen erfolgen.

(2) Als Schutz gegen Verwehungen der Vegetationstragschicht bis zur vollständigen Wurzelbildung, kann der Einsatz besonderer Maßnahmen auch in Kombination erforderlich werden:

  • Wahl eines lagestabilen Substrates
  • Auswahl von systembedingt lagestabilen Begrünungen
  • Bewässerung des Substrates während der Anwuchsphase
  • Überziehen von Erosionsschutzgeweben
  • Einsatz von Substratverfestigern
  • Einsatz des Nassansaatverfahrens
  • Andecken von vorkultivierten Matten
  • Verankerung von hochwachsenden Gehölzen

Detailausbildungen

(1) Bei Planung und Ausführung von An- und Abschlüssen haben die bautechnischen Anforderungen Vorrang vor gestalterischen und vegetationstechnischen Aspekten.

(2) Alle An- und Abschlussbereiche sollten weitgehend vegetationsfrei gehalten werden, um jederzeit einen ungehinderten Wasserabfluss und zusätzlich eine Kontrollmöglichkeit sicherzustellen. Hierfür sind in der Regel 0,5 m breite Kiesstreifen oder Plattenbeläge ausreichend.

(3) Dachabläufe müssen eine Entwässerung in der Ebene der Abdichtungsschicht sowie der Vegetationstragschicht ermöglichen und z. B. durch entsprechende Kontrollschächte zugänglich sein.

(4) Die erforderlichen Anschlusshöhen sind bei Dachbegrünungen auf die Oberkante Vegetationstragschicht bzw. Gesteinsschüttung im Anschlussbereich zu beziehen.

(5) Bewegungsfugen dürfen nicht durch den Begrünungsaufbau überdeckt werden. Sie sind vegetationsfrei und kontrollierbar zu halten.

(6) Die Anforderungen an An- und Abschlüsse sowie Durchdringungen unbegrünter Dachflächen gelten auch für begrünte Dachflächen, wobei die in diesem Kapitel beschriebenen besonderen Anforderungen zu berücksichtigen sind.

Abbildungen

Abbildung 20: Dachrandabschluss mit Polymerbitumenbahnen – Beispiel Extensivbegrünungen

Dachrandabschluss mit Polymerbitumenbahnen – Beispiel Extensivbegrünungen
Abbildung 20: Dachrandabschluss mit Polymerbitumenbahnen – Beispiel Extensivbegrünungen

Abbildung 21: Dachaufbau mit Aufstockelement

Dachaufbau mit Aufstockelement
Abbildung 21: Dachaufbau mit Aufstockelement